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Das Astrophysikalische Institut Neunhof steht in der Tradition der «Gelehrten Gesellschaft für Sternenkunde und Naturforschung zu Neunhof», die im Jahr 1790 von Carl-Friedrich Ossiander und Balthasar Kress gegründet wurde. Dem Geist der Zeit entsprechend war es das erklärte Ziel der Mitglieder dieser Gesellschaft, sich aus der „selbstverschuldeten Unmündigkeit” zu befreien. Ausbildung der eigenen Fähigkeiten, Entfaltung der Talente und Förderung des Charakters galten hierzu als wichtige Voraussetzungen. Nicht zuletzt die wissenschaftliche Bildung betrachtete man als ein Schlüsselelement auf dem Weg zum mündigen Bürger. „Sapere aude!”(wage zu wissen) war das Motto des Tages.

    Der Begriff „Naturforschung” wurde weit gefasst. Die Gesellschaft befasste sich mit Physik, Chemie, Botanik, Medizin, Geologie, Geographie, Astronomie, verfolgte aufmerksam die Berichte der Forschungsreisenden, die aus fernen Kontinenten zurückkehrten, und diskutierte die jüngsten Fortschritte der Maschinentechnik, des Bergbaus, und des Verkehrswesens. Es ist interessant, dass die „Sternenkunde” neben der „Naturforschung” im Namen der Gesellschaft seperat genannt wird. Offensichtlich machte man – obwohl Newtons Mechanik seit mehr als einem Jahrhundert gleichermaßen auf das Planetensystem wie auch auf irdische Phänomene erfolgreich angewandt wurde – immer noch einen grundlegenden Unterschied zwischen irdischer und extraterrestrischer Natur.

    Die Mitglieder der Neunhofer Gesellschaft waren zumeist keine Fachgelehrten, sondern interessierte Laien, die ihren Lebensunterhalt anderweitig verdienten und sich nur in ihrer Freizeit mit wissenschaftlichen Themen befassten. Das war damals nicht so ungewöhnlich wie es heute erscheinen mag. Man muss bedenken, dass ein ganz erheblicher Teil der naturwissenschaftlichen Erkenntnisse des 18. Jahrhunderts solchen Amateurwissenschaftlern zu verdanken ist. Erst im Lauf des 19. Jahrhunderts verlagerte sich das Hauptgewicht der Forschung auf die Vollzeitwissenschaftler, die an den Universitäten angestellt waren.

    Zusammenschlüsse von Bürgern der Stadt Nürnberg und ihres Umlands mit ähnlichen Zielsetzungen haben eine lange Tradition. Schon 1644 wurde in Nürnberg der «Pegnesische Blumenorden» gegründet, der sich bis auf den heutigen Tag der Förderung der deutschen Sprache und Poesie widmet. 1676 richtete der Orden nur wenige hundert Meter östlich der Ortschaften Kraftshof und Neunhof einen Irrhain mit Gesellschaftshütte als Treffpunkt für seine Mitglieder ein. Aufgrund dieser räumlichen Nähe erscheint die Vermutung plausibel, dass die «Gelehrte Gesellschaft für Sternenkunde und Naturforschung zu Neunhof» ihre Gründung einer Initiative von Mitgliedern des Pegnesischen Blumenordens verdankt, ebenso wie die 1792 in Nürnberg folgende Gründung der «Gesellschaft zur Beförderung vaterländischer Industrie».

    Die Zusammenarbeit innerhalb der Neunhofer gelehrten Gesellschaft bestand im Wesentlichen aus unregelmäßig veranstalteten Vorträgen. Dabei informierten sich die Mitglieder gegenseitig über Fortschritte, die es in ihrem jeweiligen Interessengebiet gab. Teilweise berichteten sie auch über Resultate eigener Forschungstätigkeit. Ein weiterer, nicht unerheblicher Teil der Vorträge wurde von externen Referenten gehalten, die – mit finanzieller Unterstützung mehrere wohlhabender Mitglieder – nach Neunhof eingeladen wurden, um der Gelehrten Gesellschaft aktuelle Informationen aus erster Hand zu bieten. Das Archiv der Gesellschaft, in dem sämtliche Vorträge gesammelt wurden, wäre heute eine hochinteressante Dokumentensammlung zur Wissenschaftsgeschichte des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Leider ging es 1943 verloren, wie wir weiter unten berichten werden. Hier können wir deshalb nur wenige Höhepunkte aus der Geschichte der Gesellschaft aufzählen.

    Das Jahr 1838 brachte einen herausragenden astronomischen Erfolg mit der ersten Vermessung einer Fixsternparallaxe durch Friedrich Wilhelm Bessel. Damit wurde die ungeheure Größe des Kosmos, und zugleich die Winzigkeit der Erde – ja des ganzen Sonnensystems – jedermann unübersehbar vor Augen geführt. Entsprechend lebhaft waren die Diskussionen, die diese Entdeckung in der Neunhofer Gelehrten Gesellschaft auslöste.
    Es gelang der Gesellschaft, für die Feier ihres 50. Jahrestags im Jahr 1840 Bessel selbst als Referenten zu gewinnen. Unglücklicherweise verhängte jedoch die Preußische Regierung im Sommer 1840 Reisebeschränkungen wegen einer im nordöstlichen Preußen grassierenden Cholera-Epidemie, und Bessel musste absagen. Er konnte lediglich sein Vortragsmanuskript schicken, das von Walther Hasenöhrl aus Erlangen vor der Festversammlung verlesen und fachkundig kommentiert wurde.

    Wie bei allen astronomisch interessierten Europäern, erregte die Entdeckung des Planeten Neptun im September 1846 auch bei der Neunhofer Gelehrten Gesellschaft größtes Aufsehen. LeVerrier hatte die Bahnstörungen des Planeten Uranus analysiert, als Wirkung eines noch unbekannten Planeten erklärt, und die Bahn dieses hypothetischen Planeten berechnet. Johann Gottfried Galle entdeckte daraufhin Neptun nur 1 Grad neben der von LeVerrier angegebenen Position als lichtschwaches Objekt 8.Größe, das durch seine Bewegung von mehreren Bogensekunden pro Tag eindeutig als Planet identifiziert werden konnte. Auch in Neunhof empfand man dies als außerordentlichen Triumph der Newton’schen Physik. In mehreren Vorträgen wurden die Grundlagen des Planetenmodells dargestellt, und insbesondere die wesentlichen Grundzüge der von LeVerrier verwendeten Berechnungsmethoden den mathematisch weniger gebildeten Mitgliedern der Gesellschaft erläutert.

    Bemerkenswert ist die ungewöhnliche Rolle, die Frauen von Anfang an in der Neunhofer Gelehrten Gesellschaft spielten. In Deutschland war man im 19. Jahrhundert gewohnt, dass gebildete Frauen sich mit Poesie, vielleicht auch noch mit Kunst und Musik beschäftigten, und bei wissenschaftlichen Versammlungen allenfalls als Begleiter ihrer Männer erschienen. Nennenswerte Leistungen in den Naturwissenschaften trauten ihnen nur wenige zu. Ganz anders war es hier: Soweit wir aus heutiger Sicht erkennen können, scheint die Neunhofer Gesellschaft zu keiner Zeit einen Unterschied zwischen ihren männlichen und weiblichen Mitgliedern gemacht zu haben, sondern erwartete von jedem, egal ob Mann oder Frau, gleichermaßen wissenschaftliche Tätigkeit. Und tatsächlich waren offenbar auch alle Mitglieder im Sinn der Gesellschaft aktiv, wenn auch mit recht unterschiedlichen Leistungen und Erfolgen.
    Besonders zu erwähnen ist dabei Hermine Kress, die sich als Kristallographin einen Namen machte. Ihr zweibändiges Werk «Die Kristalle der Deutschen Mittelgebirge», das 1882 bei Ambrosius Barth in Leipzig erschien und mehrere Auflagen erlebte, war bis ins frühe 20. Jahrhundert als das maßgebliche Standardwerk dieses Fachgebiets anerkannt. Erst als die Röntgen-Strukturanalyse der Kristallographie ein völlig neuartiges Arbeitsmittel von ungeahnter Leistungsfähigkeit in die Hand gab, galt ihr Buch als veraltet und verschwand in den Archiven der Bibliotheken.
    Eher skeptisch kommentiert wurde dagegen das Forschungsprogramm der Bertha von Neuendank. Angeregt durch Franz Anton Mesmer, der im späten 18. Jahrhundert eine heilkräftige Wirkung magnetischer Felder entdeckt zu haben glaubte, versuchte sie landwirtschaftliches Saatgut gegen Schädlingsbefall dadurch zu immunisieren, dass sie es vor der Aussaat für einige Minuten einem Magnetfeld aussetzte. Ihre Ergebnisse waren nicht eindeutig, aber besonders bei Bohnen und Fenchel glaubte sie einen positiven Einfluss dieser Behandlung nachgewiesen zu haben.

    Darwin’s 1859 veröffentlichtes Buch über die Entstehung der Arten gab Anlass für eine beträchtliche Anzahl von Vorträgen interner und externer Referenten, die von der außerordentlichen Wirkung zeugen, die dieses Werk unter den Zeitgenossen hervorrief.

    Großen Einfluss auf die Aktivitäten der astronomisch interessierten Mitglieder der Gesellschaft hatte in den 60er und 70er Jahren des 19. Jahrhunderts Karl Remeis aus dem nahe gelegenen Bamberg. Fast jedes Jahr berichtete er in Vorträgen vor der Gesellschaft von neuesten Entwicklungen des Fachgebiets. Remeis war überzeugt, dass das kürzlich entdeckte Gesetz der Energieerhaltung auch für Sterne gelten musste, dass sie also nicht ewig leuchten konnten sondern vor endlicher Zeit entstanden sein mussten, und nach endlicher Zeit wieder verlöschen würden. Tatsächlich gab es ja Berichte von Novae, aber es blieb zu jener Zeit völlig unverständlich, warum sie so selten vorkommen und die Sterne so lange leben, wieso beispielsweise die Sonne ihren Energievorrat nicht viel schneller verbraucht, als es mit unseren Kenntnissen zur Dauer der Erdgeschichte verträglich ist. Vor der Entdeckung der Atomkerne und der Kernfusion konnte dieses Rätsel nicht gelöst werden. Remeis regte die Mitglieder der Gesellschaft an, nach Novae und anderen Veränderungen des Sternenhimmels Ausschau zu halten. Ihm selbst gelang zu seinem größten Kummer zeitlebens nie eine derartige Beobachtung.

    Um etwa 1895 (genaueres konnte nicht mehr festgestellt werden) hielt sich der Paläontologe Alphonse Milne-Edwards zu vergleichenden Studien im Frankenjura auf. Er nutzte die Gelegenheit, um in mehreren Referaten vor der Neunhofer Gesellschaft über seine Forschungsarbeiten zur Entwicklungsgeschichte der Vögel zu berichten.

    Am Ende der Zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts lässt die Aktivität der Neunhofer Gelehrten Gesellschaft deutlich nach. Die Vorträge werden seltener, und zu den seltenen Vorträgen finden sich immer weniger Zuhörer ein. Welche Ursachen diesen Niedergang bewirkten, wissen wir nicht. Immerhin setzte ein kleiner Kreis von Interessierten die Arbeit bis zum Beginn des zweiten Weltkriegs fort. Dann kommt die Tätigkeit der Gelehrten Gesellschaft vollständig zum Erliegen.

    Es bleibt noch vom Schicksal des Vortrags-Archivs zu berichten: Als während des Zweiten Weltkriegs die Luftangriffe auf deutsche Städte häufiger wurden, glaubte man sich im Knoblauchsland, dem nördlich von Nürnberg gelegenen Gemüseanbaugebiet, vor Bomben sicher. Denn man war ja mehr als 5 km von den nächsten Industrieanlagen der Stadt entfernt. Das Archiv der Gesellschaft war zu dieser Zeit auf dem Dachboden der Kirche St.Georg gelagert.
    Aber in der Nacht vom 25. auf den 26. Februar 1943 warf dann doch ein Bomber, der sich vermutlich auf dem Weg nach Nürnberg verirrt hatte, hier seine Last ab. Die Kirche wurde getroffen und brannte vollkommen aus. Nach dem Krieg wurde sie mithilfe einer Spende der Brüder Samuel und Rush Kress aus New York (die Kirche diente über Jahrhunderte der Neunhofer Familie Kress als Grablege) sorgfältig wiederaufgebaut und restauriert, und konnte 1952 feierlich wiedereingeweiht werden.
    Das Archiv der Gesellschaft für Sternenkunde und Naturforschung aber war unwiederbringlich verloren. Fast alle Daten aus der Geschichte der Gesellschaft, die oben dargestellt wurden, mussten aus dem Gedächtnis ehemaliger Mitglieder rekonstruiert werden. Dies mag manche Ungenauigkeit erklären und entschuldigen.

    Erst 1952 greifen Theodor Friedrichkeit, Karl-Friedrich Baiersberg, und Charlotte Zumberg die alte Tradition wieder auf. Da es den Amateur-Gelehrten, wie er für das späte 18. Jahrhundert typisch war, jetzt nicht mehr (oder nur noch sehr selten) gab war klar, dass eine Wiedergründung der Gesellschaft nur mit einem deutlich veränderten Ansatz erfolgreich sein konnte. Statt flächendeckend die gesamte Naturwissenschaft zu bearbeiten, sollte die neue Gesellschaft sich auf ein Gebiet konzentrieren. Und dies eine Gebiet sollte nach dem Willen der Wiedergründer die Physik und Astrophysik sein, weil es hier in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zwei überaus bedeutsame Entdeckungen gegeben hatte, die noch längst nicht ausreichend verstanden und angemessen verarbeitet waren, und die bedeutsame weitere Entwicklungen erwarten ließen:

    Die Allgemeine Relativitätstheorie hatte mit ihrem neuartigen Verständnis von Raum und Zeit der Astronomie eine neue Grundlage geschaffen. Durch die Analyse der Rotverschiebung ferner Galaxien hatten Slipher und Hubble die „Flucht der Galaxien ” nachgewiesen. Die kosmologischen Modelle von Friedman und LeMaitre, die aus den Feldgleichungen der Allgemeinen Relativitätstheorie die dynamische Expansion des Universums erschlossen hatten, schienen also nicht nur Hirngespinste überspannter Theoretiker, sondern überprüfbare Wirklichkeit zu sein. Galt das womöglich auch für die Singularitäten der Theorie, die später als Schwarze Löcher bezeichnet wurden?

    Und die Quantentheorie schien die Möglichkeit zu eröffnen, nicht nur endlich die Energieversorgung der Sterne zu verstehen, sondern auch ihren kompletten Lebenszyklus von der Entstehung bis zu ihrem Ende im Detail erforschen zu können. Zugleich aber stellte die Quantentheorie die Forscher auch vor grundlegende erkenntnistheoretische Probleme, und zwar nicht zuletzt in ihrer Kombination mit der Allgemeinen Relativitätstheorie.

    Offenbar gab es hier für die Forschung der kommenden Jahre und Jahrzehnte ein ebenso reichhaltiges wir faszinierendes Aufgabengebiet. Dem wollten sich die Wiedergründer der Gesellschaft widmen. Und die Mitglieder der Gesellschaft sollten nicht mehr Laien sein, sondern – wie die drei Wiedergründer selbst – professionelle Physiker. Denn die ins Auge gefassten Probleme waren einfach zu komplex, als dass sie von Freizeitwissenschaftlern nach Feierabend sinnvoll bearbeitet werden konnten. Dies neue Konzept schlug sich auch im neuen Namen nieder: Anstelle der alten «Gelehrten Gesellschaft für Sternenkunde und Naturforschung zu Neunhof» entstand 1952 das «Astrophysikalische Institut Neunhof».
   
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